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Studienkreis Blog

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Mathematik braucht Leidenschaft

Geht es um Zahlen und Formeln, schreckt das viele Menschen eher ab. Nicht so Mathematik-Professorin Johanna Heitzer. Mathematik ist klar, beweisbar, schön. Und steckt fast überall in unserem Alltag. Ein Mathe-Gen braucht man nicht, um Zahlen und Formeln zu mögen. Aber die richtige Motivation und ein bisschen Übung.

I love Mathe
Der 12. November ist I-love-Mathe-Tag.

Studienkreis: Warum schwärmen Sie für die Mathematik, Frau Heitzer?

Prof. Dr. Johanna Heitzer: Ich schätze die Klarheit und die Unabhängigkeit des Fachs: Man kann selbst prüfen, ob eine Lösung stimmt. Es macht mir Freude, durch Skizzen und Formeln eine Vorstellung von einem Sachverhalt zu bekommen, Erstaunliches herauszufinden und plötzlich etwas zu verstehen, was mir zuvor vielleicht schwerfiel.

Genau das ist es, was vielen Menschen so schwerfällt an der Mathematik – das Abstrahieren und logische Denken. Braucht man ein Mathe-Gen, um das Fach zu schätzen?

Das „Mathe-Gen“ ist nur ein clever entworfener Titel für ein Buch. Das ist übrigens durchaus lesenswert. Im Gehirn sind die gleichen Regionen für das Betreiben der Mathematik verantwortlich wie für Sprechen und abstraktes Denken. Im Prinzip kann sich also jeder von uns die gleichen Mathematik-Fähigkeiten antrainieren. So, wie theoretisch auch jeder einen Marathon laufen könnte. Aber es gibt wie für Sport und Musik auch offenkundig Begabungen für Mathematik.

Das heißt, uns fehlen nur die richtigen Trainer und die entsprechende Motivation?

Oftmals schon, ja. Lehrende, die für ihr Fach brennen, schaffen es meistens, diesen Funken überspringen zu lassen. Oder nehmen wir folgendes Beispiel. Wenn Kinder die Unterschiede zwischen geraden und ungeraden Zahlen entdecken, ist das für viele  ein magischer Moment. Gehen Eltern darauf nicht ein und zeigen auch sonst wenig Interesse für das Mathematiktreiben ihrer Kinder, vergeht dieser wertvolle Moment ungenutzt. Dabei könnte sogar umgekehrt ein Funke überspringen, wenn sich Eltern interessieren, vielleicht sogar mal staunen oder zugeben, dass sie etwas selbst nicht gekonnt hätten. Der Mathematik wohnt ja eine objektive Wahrheit inne, deretwegen Jüngere die Dinge unabhängig prüfen und durchaus besser sein können als Ältere. Diesen Umstand können vielleicht nicht jeder Vater oder jede Lehrerin so gut aushalten.

Mathematik-Professorin Johanna Heitzer
Mathematik-Professorin Johanna Heitzer

Kinder haben nun aber mit Mathematik vor allem in der Schule zu tun. Und es gibt viele, die Mathe nicht verstehen, nicht mögen, geradezu Angst davor haben. Wo hakt es?

Mathematik ist ein Hauptfach, man kann es nicht abwählen und muss auch noch einigermaßen gut sein, um den Schulabschluss zu schaffen. Alles, was man muss, wird aber spätestens im Laufe der Pubertät schwierig. Hinzu kommt, dass das Faszinierende der ersten Matheerlebnisse schnell von der Komplexität überdeckt zu werden droht. Natürlich müssen Regeln und Verfahren geübt werden, aber Lehrerinnen und Lehrer sollten auch Raum für das eigene Erleben, Entdecken und Ausprobieren lassen. Insbesondere in der Grundschule unterrichten viele Mathematik nur „notgedrungen“, ohne selbst Mathefans zu sein. Hinzu kommt, dass die Kinder dort fast ausschließlich mit Frauen zu tun haben. Diese Kombination ist dann insbesondere für die Mädchen ungünstig, Rollenbilder werden bekräftigt statt aufgelöst. Das bleibt oft bis weit in die Mittelstufe hinein so, und dann wird das Fachliche von anderen Seiten des Lebens überlagert.

Können Sie diesen letzten Fakt bitte etwas genauer erläutern?

Dass Mädchen schlechter in Mathematik sind als Jungen, sitzt hartnäckig und oft unbewusst in vielen Köpfen. Dabei studieren an den Universitäten fast genauso viele Frauen wie Männer Mathematik. In der Professorenschaft sieht es leider anders aus: Der Anteil von Frauen ist nur knapp zweistellig. Es fehlen also definitiv die weiblichen Rollenvorbilder. In den Schulen kommt eine weitere ungünstige Tatsache hinzu.  Studien zufolge widmen Lehrkräfte weit mehr als die Hälfte ihrer Aufmerksamkeit den Jungen. Diese fordern das einfach stärker ein.

Noch einmal zurück zum Mathematik-Unterricht. Der besteht heute vor allem aus Sachaufgaben. Lernen Kinder die mathematischen Grundlagen so besser?

Zunächst rückt man von einer Überbetonung inzwischen wieder ab. Auch Kinder und Jugendliche mögen das Abstrakte. Deshalb sollte der Unterricht am besten gedrittelt werden. Anwendungsaufgaben zeigen, wie Mathematik in den Alltag hinein wirkt. Mathematische Strukturen, etwa klare Definitionen und schlüssige Beweise, fördern das logische Denken und machen die Mathematik so sicher. Formale Fertigkeiten wie Kopfrechnen, Prozentrechnung, Schätzen oder das Auswerten von Statistiken sind hilfreich für das ganze Leben. Unsere Kinder gehen freitags auf die Sraße und fordern absolut gerechtfertigt, dass belastbare Fakten gelehrt werden. Dann werden sie sich im Umkehrschluss aber auch nicht dagegen verwahren, mathematische Methoden und Resultate zu erlernen. Sie sollten uns vorrechnen können, warum sich so viel ändern muss und was dabei hilft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Johanna Heitzer ist Universitätsprofessorin für Didaktik der Mathematik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. Sie hat 12 Jahre lang Mathematik und Physik am Gymnasium unterrichtet, bevor sie zurück in die Wissenschaft wechselte. Auch wegen ihrer eigenen Söhne meint sie: Mathematik spielt in Zusammenhang mit der zutiefst berechtigten Forderung, in Klimafragen auf die Wissenschaft zu hören, eine wichtige Rolle. mehr

In unserem Expertenvideo geben wir Tipps, wie Eltern ihre Kinder beim Mathelernen unterstützen können.

Studienkreis-Talk am I-Love-Mathe-TagDen 12.11. hat der Studienkreis zum I-love-Mathe-Tag erklärt. An dem Tag findet um 20.30 Uhr auf Facebook unser nächster Studienkreis-Talk statt. Mathematik-Professorin Johanna Heitzer diskutiert dann mit Mario Förster von netpapa.de und dem Bildungsjournalisten Armin Himmelrath über die Schönheit der Mathematik:
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