Studienkreis Blog

„Vor der Pandemie hatten wir viel weniger Kinder aus der Grundschule.“

Wenn sich bei Schülerinnen und Schülern in Schleswig-Holstein aufgrund der Corona-Pandemie Lernlücken aufgetan haben, können sie diese einfach in Nachhilfeinstituten wie dem Studienkreis schließen. Die Kosten dafür übernimmt das Land – unter anderem aus Fördermitteln des Programms der Bundesregierung „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“. Wie die Länder die Förderung umsetzen, ist ihnen überlassen. Petra Schulmann, Leiterin des Studienkreises Rendsburg, erzählt im Interview, wo die Lernlücken liegen und wie es gelingt, sie zu schließen.

Studienkreisleitung Petra Schulmann
Petra Schulmann, Studienkreisleitung

Studienkreis: Den Bundesländern ist freigestellt, wie sie die Aufholprogramme umsetzen. In Schleswig-Holstein erhalten Schülerinnen und Schüler Nachhilfegutscheine, die sie zum Beispiel im Studienkreis einlösen können. Wie gut funktioniert das?

Petra Schulmann: Schleswig-Holstein gehört, wie auch zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern, zu den Ländern, die sehr schnell reagiert und ein unbürokratisches Förderprogramm aufgesetzt haben. Das ist ein großer Vorteil, und es läuft sehr gut. In anderen Bundesländern sind die Programme erst im Herbst angelaufen. Für Schulen ist es ein hoher organisatorischer Aufwand, die Förderung selbst umzusetzen und zum Beispiel zusätzliches Personal einzustellen.

Der Bildungsgutschein steht allen Schulformen und Jahrgängen zur Verfügung. In welchen Fächern und Klassenstufen ist die Nachfrage nach Nachhilfe am höchsten?

Bei den Fächern sind Mathematik und Englisch am häufigsten gefragt, danach Deutsch und dann Latein. Bei den Klassenstufen ist es bunt gemischt und es sind auch alle Schulformen in etwa gleich vertreten. Es geht mit der zweiten Klasse Grundschule los und endet beim letzten Jahr am Gymnasium. Vor der Pandemie hatten wir viel weniger Kinder aus der Grundschule.

Wie groß sind die Lernlücken der Schülerinnen und Schüler?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir hatten hier Siebtklässler, die in der Schule in Englisch noch nicht einmal den Stoff der sechsten Klasse abgeschlossen hatten. Dazu gehörte die Bildung bestimmter Zeitformen. Wenn man das nicht kann, dann fehlt eine wichtige Grundlage. Das müssen wir dann sehr ausführlich nachholen.

Beobachten Sie auch, dass über einzelne Fächer hinaus bestimmte Lerntechniken oder Kompetenzen im Homeschooling zu kurz gekommen sind?

Ja, zum Beispiel das selbstständige Entwickeln von Lösungen. Wenn man mithilfe von Videos lernt anstatt in der Gemeinschaft, dann wird oft der Lösungsweg viel stärker vorgegeben. Die Schülerinnen und Schüler mussten sich also im Homeschooling seltener die Lösungswege selbst erarbeiten. Da sind bei einigen große Lücken entstanden. Andererseits gibt es Schülerinnen und Schüler, die gerade im Homeschooling gelernt haben, sich Inhalte selbst zu erarbeiten.

Viele Schülerinnen und Schüler haben im Homeschooling durchaus Lernfortschritte gemacht, aber das Gelernte schneller wieder vergessen. Woran liegt das?

Es fehlten die Wiederholungen. Das ist wie beim Sport: Der Körper gewöhnt sich an bestimmte Bewegungen, indem man sie oft wiederholt. So ist es auch beim Lernen im normalen Präsenzunterricht. Am Anfang der Stunde wird das Erlernte wiederholt, die Hausaufgaben werden besprochen und gemeinsam korrigiert. Das ist beim Onlineunterricht weggefallen. Die Kinder mussten die Aufgaben einschicken, nach unserer Erfahrung haben die Lehrkräfte das häufig nicht korrigiert. Die Schülerinnen und Schüler haben einfach eine Musterlösung bekommen. Aber es gab keine Wiederholungen.

Unterrichtssituation Nachhilfe-Lehrer mit Schülerin

Im Homeschooling haben Lehrkräfte und Klasse viel weniger miteinander gesprochen. Aber gerade in den Fremdsprachen spielen Sprechen und Hören eine wichtige Rolle. Haben die mündlichen Kompetenzen in den Fremdsprachen während des Distanzunterrichts gelitten?

Auch da hat die Übung gefehlt. Wenn Sie die Aussprache des „th“ auf Englisch lernen möchten, dann brauchen Sie Tipps und jemanden, der das vormacht. Im Online-Unterricht können Sie das nicht so gut vermitteln – wenn überhaupt Unterricht per Video stattfindet. Wenn Sie die Kinder nur als kleine Kacheln auf dem Bildschirm sehen, ist es unmöglich zu erkennen, wer Unterstützung braucht. So fällt gar nicht auf, wenn jemand die Aussprache nicht beherrscht. Hier in der Nachhilfe beobachten wir, dass tatsächlich häufig die Aussprache nicht stimmt.

Wie lange wird es dauern, die Lernlücken aus der Homeschooling-Zeit zu schließen?

Die Lücken sind ungefähr über ein halbes Jahr entstanden. Ich denke, dass es mindestens ein Dreivierteljahr dauert, sie zu schließen. Die Schülerinnen und Schüler müssen gleichzeitig auch ihren aktuellen Stoff in der Schule bearbeiten, und auch da müssen wir häufig unterstützen. Viele Unterrichtsinhalte bauen auf Stoff auf, den die Kinder im Homeschooling nicht so gut gelernt haben. Am besten funktioniert das Aufarbeiten, wenn das Zusammenspiel zwischen Nachhilfeanbieter und Schule stimmt: Wenn wir uns um die Lernlücken kümmern und die Schulen sicherstellen, dass die Kinder aktuell mitkommen, indem sie zum Beispiel mehr üben und wiederholen als sonst.

Wie gut funktioniert es, den Stoff im Rahmen des Bildungsgutscheins nachzuholen?

Es gibt große Unterschiede zwischen den Kindern. Einige sind sehr motiviert und machen große Fortschritte. Sie sehen das als Chance, um das Versäumte gut nachzuholen. Andere sind eher unmotiviert und kommen weniger schnell voran. Und dann gibt es die Kinder, die genau wie im regulären Unterricht einfach länger brauchen, um ein Thema zu verstehen. In diesen Fällen reichen die über den Bildungsgutschein abgedeckten Unterrichtseinheiten oft nicht. Trotzdem haben diese Kinder erst im nächsten Halbjahr wieder Anspruch auf einen Bildungsgutschein.

Viele Schülerinnen und Schüler waren durch die Pandemie psychisch sehr belastet. Spüren Sie das auch in der Nachhilfe?

Die Kinder sprechen in der Nachhilfe manchmal über ihre Ängste, zum Beispiel davor, dass sie das Klassenziel nicht erreichen oder den Schulabschluss nicht schaffen. Manche befürchten auch, dass ihr Abschluss weniger zählt, weil die Prüfungsanforderungen in der Pandemie verändert wurden. Das bekommen wir sehr deutlich mit. Es gibt auch Kinder, die in Behandlung sind, zum Beispiel wegen einer Depression, und vielen fällt es schwer, sich zu konzentrieren.

Erleben Sie auch Erfolgsgeschichten?

Immer wieder können wir hier beobachten, wie wichtig den Kindern und Jugendlichen ihr Erfolg in der Schule ist und wie gut es ihnen tut, wenn sie etwas erreichen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Neuntklässlerin, die mit großen Lücken in Mathematik zu uns kam. Kürzlich hat sie dann eine Zwei geschrieben und war sehr glücklich. Sie hat uns gesagt: ‚In der Schule hatte ich den Stoff überhaupt nicht verstanden, aber der Nachhilfelehrer hier hat es toll erklärt. Da habe ich gemerkt, dass es eigentlich ganz einfach ist.‘

So funktioniert das Aufholprogramm in Schleswig-Holstein

Im Programm „Lernchancen.sh“ können Kinder und Jugendliche in Schleswig-Holstein Lernrückstände aufholen. Stellen die Lehrkräfte bei einem Kind Aufholbedarf fest, stellen sie ihm einen Bildungsgutschein aus. Diesen können die Kinder dann direkt in einem Nachhilfeinstitut einlösen, dafür bekommen sie bis zu 30 Förderstunden à 45 Minuten.

Jedes Kind bekommt maximal einen Bildungsgutschein im Halbjahr. Wer Unterstützung in zwei Fächern benötigt, kann die Förderstunden aufteilen. In welchen Bereichen die Schülerinnen und Schüler Lernlücken haben, vermerken die Lehrkräfte auf dem Gutschein – so können die Nachhilfeinstitute gezielt unterstützen.

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