Interview
Frau Hummel, wenn ein Kind in die Schule kommt, ändert sich vieles – auch in der Beziehung zu seinen Eltern. Was fällt dabei besonders auf?
Eine typische Veränderung in vielen Familien nach der Einschulung ist, dass das Außen so wichtig wird. Da sind plötzlich so viele Bewertungen und Vergleiche, dass man sich auch als Mutter oder Vater leicht angewöhnt, vor allem aus einem äußeren Blickwinkel aufs Kind zu sehen. Und nach einer Weile bemerken die Eltern dann, dass ihre Beziehung zum Kind gar nicht mehr so eng ist wie zuvor im Kindergarten.
Wie hängt das zusammen?
Wer sich zu sehr auf Leistungen und Noten konzentriert, verliert den Blick dafür, wie es dem Kind wirklich geht. Ein Beispiel aus meiner Beratung: Da machten sich Eltern wegen der schlechten Noten ihres Kindes Sorgen, und nach einer Weile stellte sich heraus, dass das Kind am liebsten gar nicht mehr in die Schule gehen möchte. In so einer Situation brauchen wir doch nicht über den nächsten Mathe-Test zu sprechen! Nur wenn es dem Kind gut geht, kann es auch etwas leisten. Und deshalb habe ich den Eltern geraten, erst einmal nachzudenken: Haben wir noch im Blick, wie es unserem Kind eigentlich geht – oder hören wir nur noch die Stimmen von außen?
Diese äußeren Stimmen auszublenden, ist vermutlich leichter gesagt als getan. Denn in der Schule geht es nun einmal ständig um Noten und Vergleiche.
Richtig, und das merken auch die Kinder. Das ist die zweite Beobachtung, die ich immer wieder mache: Für die Kinder selbst haben diese Vergleiche ebenfalls eine große Bedeutung. Ich habe einmal einen Schulentwicklungsprozess begleitet, bei dem die Eltern die Initiative ergriffen hatten, Noten ganz abzuschaffen. Aber die Kinder wollten das gar nicht! Sie wollten lieber wissen, wo sie stehen. Das ist ja auch ein wichtiger Faktor für das Ausbilden des Selbstbildes: Bin ich jetzt eher das Mathe-Ass, oder bin ich der Künstler oder was auch immer? Für die Kinder selbst wird das Außen eben auch wichtiger, sie emanzipieren sich ein Stück weit von ihren Eltern.
Das merkt man auch zu Hause: So ein Grundschulkind kann ziemlich widerspenstig sein. Wie viele freche Worte müssen Eltern da ertragen?
Ich sehe diese Widerspenstigkeit sogar positiv. Eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben für einen jungen Menschen ist es ja, die eigene Persönlichkeit zu finden. Das passiert vor allem in der Pubertät, geht aber in der Grundschule schon los. Und dazu gehört es auch, die eigenen Argumente zur Sprache zu bringen. Natürlich funktioniert das am Anfang nicht immer diplomatisch, gerade in einer emotionalen Verbindung wie der Familie. Aber es ist auch ein Vertrauensbeweis meines Kindes, dass es sich überhaupt traut, seine Meinung zu äußern. Wir wollen doch keine Kinder, die immer Ja und Amen sagen, oder? Als Elternteil sollte ich mir bewusst machen: Mein Kind lernt noch, und zwar nicht nur Mathematik und Deutsch, sondern auch Argumentieren und Streiten und sich emotional Regulieren. Das ist alles noch in der Mache.
Trotzdem kann auch das die Beziehung zwischen Eltern und Kind belasten. Wie schaffen wir es, unsere Nähe zu erhalten?
Wichtig ist, sich diese Beziehung bewusst zu machen: Wie geht es uns eigentlich gerade miteinander? Wie geht es mir selbst in unserer Beziehung? Und wie geht es dir gerade in dieser neuen Situation? Man wird ja nicht einfach eingeschult, und schon ist man ein großes Schulkind. Sondern man muss in dieser neuen Welt erst einmal ankommen. Wenn ich einen neuen Job anfange, weiß ich doch nach ein paar Wochen auch noch nicht, wie der Laden läuft. Bei all den wichtigen Kulturtechniken, die unsere Kinder lernen, sollte uns immer klar sein, dass es in der Schule nicht nur ums Performen geht, sondern auch um das Wohlgefühl.
Wichtig für dieses Wohlgefühl ist vor allem das Miteinander in der Schule. Daran können die Eltern aber kaum teilhaben. Trägt das nicht auch zur größeren Distanz zwischen Eltern und Kind bei?
Doch, und das ist für viele Eltern schmerzhaft. Im Kindergarten habe ich mein Kind in sichere Hände gegeben, dort stand es den ganzen Tag unter enger Aufsicht. Auf dem Schulweg, dem Schulhof oder in der Nachmittagsbetreuung ist das natürlich anders. Und dann erzählt mein Kind, dass es heute dies und das mit dem Lars gemacht hat, und ich frage mich: Wer ist denn nun wieder Lars? In so einer Situation spüre ich als Mutter, dass da ein Ablöseprozess in Gang gekommen ist. Es ist ein erstes Loslassen, in das sich viele Eltern erst einmal eingrooven müssen: Meinem Kind das Zutrauen zu schenken, dass es das schon hinbekommen wird, und ihm zuzugestehen, dass es dabei seine eigenen Fehler machen darf.
Wobei es nicht immer leichtfällt, sich zurückzuhalten, während man seinem Kind beim Fehler Machen zusieht …
Aber es ist wichtig, das zu tun! Der wichtigste Begriff, den ich den Eltern in meiner Beratung mitgebe, ist die sogenannte Bewältigungskraft. Das bedeutet: Die Kinder müssen nicht in jedem Moment wissen, wie sie handeln sollen, sondern sie müssen das Gefühl in sich tragen, auch unbekannte Situationen bewältigen zu können. Ihr Gedanke sollte sein: Egal, was passiert, es wird schon irgendwie gutgehen – und zur Not weiß ich, wo ich mir Hilfe holen kann. Ihnen diese Bewältigungskraft mitzugeben, ist im Grunde unsere wichtigste Aufgabe als Eltern.
Wie gelingt das?
Indem man erträgt, dass das Kind auch mal in den Brunnen fällt, und ihm dann zeigt, wie es da wieder herausklettern kann. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Bei einem meiner drei Söhne war eines Tages plötzlich der Ranzen weg. Helle Aufregung, Tränen – wie geht man jetzt damit um? Da kann ich als Mutter natürlich schimpfen und die Sache selbst übernehmen, in dem Sinne: Ich regle das jetzt, sei du mal still. Aber dann lernt das Kind nichts dabei, außer dass es sich vor dieser Situation künftig fürchtet. Stattdessen ist es sinnvoll, pragmatisch vorzugehen: Bleibe ruhig, denke nach, wo hast du schon gesucht, wen hast du schon gefragt, wie können wir jetzt weitermachen?
Da müssen Eltern vermutlich die richtige Balance finden, denn Kinder sind ja sehr unterschiedlich. Manche sind vielleicht eher sorglos und denken sich: Ist der Ranzen halt weg, wird Mama schon ’nen neuen kaufen.
Wichtig ist auch an dieser Stelle, dass man als Elternteil den Blick auf das eigene Kind richtet: Wie geht es ihm gerade damit? Loslassen muss man ausprobieren und sehen, wie es läuft. Wenn es nicht geht, dann muss ich als Mama halt wieder ein bisschen enger rein. Im Grunde ist das ein Tanz aus Nähe und Distanz, den man später in der Pubertät noch mal viel stärker hat. Aber dieser Tanz fängt in der Grundschule schon an.
An diesem Tanz nimmt allerdings noch jemand anderes teil: die Schule. Auch die hat ja einen großen Einfluss auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Wenn es in der Schule Probleme gibt, drückt die schlechte Stimmung meist auch in die Familie hinein. Wie lässt sich das verhindern?
Wichtig ist erst einmal, die Situation anzunehmen: Wir öffnen uns jetzt als Familie für dieses Dreieck aus Lehrkraft, Eltern und Kind. Denn wenn diese drei Seiten vertrauensvoll zusammenarbeiten, nimmt das viel Druck aus dem System.
Wie kann man diese Zusammenarbeit vertrauensvoll gestalten?
Die erste Regel ist: Wir reden nicht übereinander, sondern miteinander. Wenn mein Kind ein Problem in der Schule hat, ermutige ich es, mit der Lehrkraft zu sprechen. Wenn mein Sohn oder meine Tochter eine 5 nach Hause bringt, schimpfe ich nicht über die Lehrkraft, sondern spreche mit ihr darüber, woran das gelegen hat und wie mein Kind es beim nächsten Mal besser machen kann. Und natürlich gehört dazu auch, dass die Lehrkraft dem Kind so eine 5 nicht nur hinklatscht, sondern ihm in Beziehung erklärt, was noch nicht so gut war und wo sie sieht, dass es sich bemüht und Fortschritte gemacht hat.
Leider verhalten sich nicht alle Lehrkräfte so.
Aber die meisten tun es. Und deshalb ist die zweite Regel für eine gute Zusammenarbeit: Geben Sie den Lehrkräften einen Vertrauensvorschuss. Einige Eltern pflegen einen verwöhnenden, überfürsorglichen Erziehungsstil und neigen dazu, alle Schuld ins Außen zu schieben. Oft stecken dahinter eigene, schlechte Erfahrungen mit Lehrkräften in der Kindheit. Es bringt aber nichts, den Grund für die 5 nur bei der Lehrkraft zu suchen, denn davon wird die nächste Note vermutlich nicht besser. Konfrontation führt nur zu einer schlechten Beziehung, und die belastet am Ende das Kind. Das Kind profitiert am meisten davon, wenn Eltern und Lehrkräfte an einem Strang ziehen.
Trotzdem gelingt diese Zusammenarbeit nicht immer. Was können Eltern tun, wenn sich Schulprobleme so nicht lösen lassen?
Das kommt auf das Problem an. Wenn das Kind Lernlücken hat und im Unterricht nicht mitkommt, ist Nachhilfe oft eine sinnvolle Lösung. Wenn allerdings die Lehrkraft Teil des Problems ist, rate ich immer, den Tisch zu erweitern. Oft genügt es schon, die Elternpflegschaft dazuzuholen oder ein anderes Elternpaar, dem es mit seinem Kind ähnlich geht. Wenn das nichts bringt, macht man einen Termin mit der Schulleitung aus. Je nachdem, wo das Problem liegt, kann auch die Fachberatung oder der schulpsychologische Dienst helfen. Man darf nicht vergessen, dass wir in Deutschland eine Schulpflicht haben – und das bedeutet auch, dass Eltern mit solchen Problemen nicht
Was meinen Sie damit?
Sie haben als Eltern ja nicht die Wahl, ob Sie Ihr Kind in die Schule geben oder nicht: Es muss hingehen. Aber im Gegenzug ist es Ihr Recht, Unterstützung zu bekommen. Daran muss man die Schulen manchmal erinnern. Da darf man auch mal fragen: Was ist denn euer Plan, um mit der Unruhe meines Kindes umzugehen oder mit seiner Schüchternheit, mit seiner Angst oder was auch immer? Manche Lehrkräfte sind von ihrer Arbeit sehr gefordert und versuchen bei Problemen, möglichst viel den Eltern zu übergeben. Aber am Ende sind sie mitverantwortlich dafür, dass das Kind am nächsten Morgen wieder gerne in die Schule geht.
ZUR PERSON:
Inke Hummel ist Familienbegleiterin, Erziehungsberaterin und pädagogischer Coach. Als Autorin schreibt sie Ratgeber- und Kinderbücher, darunter „Miteinander durch die Grundschulzeit“ (Humboldt Verlag, 22 Euro). Hummel ist Mutter von drei Kindern.