{"id":2753,"date":"2018-12-10T11:38:20","date_gmt":"2018-12-10T09:38:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/?p=2753"},"modified":"2022-01-24T12:01:47","modified_gmt":"2022-01-24T10:01:47","slug":"smartphonesucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/smartphonesucht\/","title":{"rendered":"Von der Lesewut zur Smartphonesucht"},"content":{"rendered":"<p>Der Sozialwissenschaftler und vierfache Vater Thomas Momotow (Studienkreis) meint, dass wir unsere Kinder zu schnell als s\u00fcchtig stigmatisieren, wenn es um die intensive Nutzung neuer Medien geht.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Von der Lesewut zur Smartphonesucht\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/bMbK_b8a0Us?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Seit Juni 2018 wird <strong>Online-Spielsucht von der WHO offiziell als Krankheit<\/strong> gef\u00fchrt. Wenn jemand ohne jede Selbstkontrolle und ohne jedes Ma\u00df das Internet nutzt, spricht man von exzessivem Onlineverhalten (EOV). 2 bis 13 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gelten als internets\u00fcchtig oder \u201eproblematisch in ihrer Internetnutzung\u201c. \u201eWhatsApp, Instagram und Co. \u2013 so s\u00fcchtig macht Social Media\u201c betitelt die Krankenkasse DAK schlagzeilentr\u00e4chtig eine ihrer Studien.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst bei uns Eltern m\u00f6glicherweise den Verdacht aufkommen, unsere Kinder seien alle schon abh\u00e4ngig oder auf dem besten Weg dahin. Sie zocken, daddeln, surfen, chatten. Am PC, am Notebook, am Tablet, aber am allermeisten am Smartphone. Dort sind sie am liebsten in <strong>Sozialen Medien<\/strong> unterwegs. Sind st\u00e4ndig on und scheinbar mangelt es ihnen an <a href=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/infothek\/journal\/medienkompetenz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Medienkompetenz<\/a>. Letztens las ich von einem M\u00e4dchen, das ihr Smartphone mit unter die Dusche nimmt. Denn das Duschbad dauert ihr zu lange, um die eingehenden Nachrichten erst anschlie\u00dfend abzurufen. Also unterbricht sie regelm\u00e4\u00dfig die K\u00f6rperpflege und schaut kurz in ihren Messenger.<\/p>\n<h3><strong>Fr\u00fcher war alles besser<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/smartphonesucht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2756 alignright\" src=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/smartphonesucht-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/smartphonesucht-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/smartphonesucht-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/smartphonesucht-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ein abschreckendes Beispiel aus der Social-Media-Welt, das Eltern alarmiert. Zu Recht? Die erste gute Nachricht ist: Bei aller Sorge um die Mediengewohnheiten unserer Kinder m\u00fcssen wir nicht davon ausgehen, es mit einer Generation von Abh\u00e4ngigen zu tun zu haben. Abh\u00e4ngig wovon denn? Von der Aufmerksamkeit durch Freunde? Oder von Kommunikation? Die zweite gute Nachricht ist: Das Ende der abendl\u00e4ndischen Kultur ist mit dem Smartphone nicht eingel\u00e4utet. Vielleicht behagt es uns einfach nicht, was unsere Kinder tun, weil wir selber ganz anders \u201eticken\u201c als sie. Weil wir anders aufgewachsen sind, mit anderen Medien, selbstverst\u00e4ndlich besseren und ungef\u00e4hrlicheren.<\/p>\n<p>Ich zum Beispiel erinnere mich noch gut an meine eigene Jugend. Damals schmeckte es meinen Eltern nicht, wenn ich vor der Glotze sa\u00df und mir lineares <strong>Fernsehen<\/strong> \u201ereinzog\u201c. TV geh\u00f6rte damals noch zu den halbwegs neuen Medien. Eine anderes noch recht frisches Medium war die <strong>Stereoanlage<\/strong>. Und auch gegen deren Nutzung gab es bei mir zuhause elterliche Einw\u00e4nde: \u201eDu faulenzt den ganzen Tag blo\u00df und h\u00f6rst nur Schallplatten. Tu lieber mal was f\u00fcr die Schule oder lies ein Buch!\u201c Stundenlange Festnetztelefonie mit dem besten Freund war ebenfalls nicht erw\u00fcnscht. Ich wei\u00df noch, dass wir damals per Telefon Schach gespielt haben. Unsere Eltern hielten uns deshalb f\u00fcr merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<h3><strong>Gute Medien, schlechte Medien (GMSM)<\/strong><\/h3>\n<p>B\u00f6se Medien gab es also schon immer, gute auch. Als das <strong>Kino<\/strong> aufkam, gab es Bedenken, dass dieses Medium die Fantasie zu sehr anregt. Sp\u00e4ter nahm man im Gegenteil an, dass es die Vorstellungskraft raubt. Als dann der Tonfilm aufkam, wurde dieser zu Schund erkl\u00e4rt und der Stummfilm zur Hochkultur. Als in den 1950er Jahren das Fernsehen Einzug in die Wohnzimmer hielt und dort mit dem guten alten Radio konkurrierte, war das Lichtspielhaus das bessere Medium und die Flimmerkiste das sch\u00e4dlichere und trivialere. Und dann erst der <strong>Computer<\/strong>: &#8222;Computer f\u00fcr Kinder \u2013 das macht Apfelmus aus den Gehirnen&#8220;, warnte der Informatiker Joseph Weizenbaum zu Anfang dieses Jahrtausends. Und da gab es Social Media noch gar nicht.<\/p>\n<h3><strong>Lesen verdirbt den Charakter<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2757\" src=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht-214x300.jpg 214w, https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht-768x1077.jpg 768w, https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht-731x1024.jpg 731w, https:\/\/www.studienkreis.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/lesesucht.jpg 1730w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a>Bewegte Bilder (schlechte Medien) t\u00f6ten die Fantasie, hei\u00dft es, das gedruckte Wort regt sie an (gute Medien). Immerhin gegen das Lesen \u2013 bevorzugt auf Papier \u2013 kann also doch nichts \u00dcbles gesagt werden, oder? Pustekuchen! Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden in intellektuellen Kreisen erregte Debatten um die sogenannte <strong>Lesesucht<\/strong> oder <strong>Lesewut<\/strong> gef\u00fchrt. Dahinter steckte die Sorge, die &#8222;Romanleserey&#8220; k\u00f6nne vor allem die Frauen und die Jugend verderben. Der Schriftsteller und P\u00e4dagoge Joachim Heinrich Campe kritisierte diese \u201eBegierde, sich durch das B\u00fcchlein zu vergn\u00fcgen.\u201c Johann Adam Bergk fand sch\u00e4rfere Worte: \u201eEin Buch lesen, um blo\u00df die Zeit zu t\u00f6dten, ist Hochverrath an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung h\u00f6herer Zwecke bestimmt ist.\u201c Und Johann Gottfried Hoche schrieb in seinem 1794 erschienen Werk \u201eVertraute Briefe \u00fcber die jetzige abentheuerliche Lesesucht\u201c: \u201eDie Lesesucht ist ein th\u00f6rigter, sch\u00e4dlicher Mi\u00dfbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich gro\u00dfes \u00dcbel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens f\u00fcr Kinder und Kindes Kinder.&#8220;<\/p>\n<p>Zu den jugendgef\u00e4hrdenden Schriften der damaligen Zeit z\u00e4hlte beispielsweise auch Goethes \u201eLeiden des jungen Werther\u201c. Zeitgenossen bem\u00e4ngelten darin nicht nur den fehlenden didaktischen Aspekt, sie sahen in dem Briefroman auch eine Bedrohung der Ehe, der geltenden Moralvorstellungen und eine Verf\u00fchrung zum Suizid.<\/p>\n<p>Andere Zeiten, andere Sorgen: Was w\u00e4ren doch viele von uns heutigen Eltern froh, wenn unsere \u201esuchtgef\u00e4hrdeten\u201c Kinder sich in der Stra\u00dfenbahn von Goethes Werther anstatt der Whats-App-Nachricht der Freundin ablenken lie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong><em>Mehr zum Thema:<\/em><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em><a href=\"https:\/\/www.studienkreis.de\/infothek\/journal\/umgang-smartphone-tablet-pc-kinder\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verantwortungsvoller Umgang mit Smartphone, PC &amp; Tablet f\u00fcr Kinder<\/a><\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sozialwissenschaftler und vierfache Vater Thomas Momotow (Studienkreis) meint, dass wir unsere Kinder zu schnell als s\u00fcchtig stigmatisieren, wenn es um die intensive Nutzung neuer Medien geht. 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